Ein neues Album von Venom ist nie einfach nur eine weitere Veröffentlichung im Kalender. Bei dieser Band schwingen automatisch „Welcome To Hell“, „Black Metal“ und jene frühe Phase mit, in der Rohheit, Provokation und metallischer Starrsinn wichtiger waren als technische Perfektion. Mit „Into Oblivion“ zeigen Cronos, Rage und Dante jedoch, dass ein spätes Kapitel einer solchen Bandgeschichte nicht zwangsläufig nach Archivpflege klingen muss. Das Album arbeitet mit klarerem Sound, spürbarem Druck und Songs, die ihre direkte Bauweise bewusst als Stärke einsetzen.
Der Titeltrack als klares Startsignal
Der Einstieg mit „Into Oblivion“ nimmt viele Zweifel früh aus dem Weg. Venom klingen hier nicht wie eine Band, die sich ausschließlich auf ihren eigenen Mythos verlässt. Der Song beginnt mit einer melodisch geführten Gitarrenlinie, baut anschließend mehr Geschwindigkeit auf und wird von Dante mit konsequenter Doublebass-Arbeit nach vorne getrieben.
Cronos steht stimmlich präsent im Zentrum. Sein Gesang ist weiterhin rau, knurrend und sofort erkennbar, wirkt aber gut in den Mix eingebunden. Der Bass bildet gemeinsam mit der Gitarre einen standfesten Grundbau, während die Drums genügend Druck aufbauen, ohne das Songwriting zu überfahren. Genau dadurch besitzt der Auftakt eine überzeugende Mischung aus klassischer Venom-Direktheit und besserer klanglicher Kontur.
Alte Rituale, neue Straffung
„Lay Down Your Soul“ trägt den Venom-Kosmos sehr deutlich vor sich her. Beschwörung, Fan-Kult, Rock’n’Roll-Ritual und satanische Symbolik gehören hier fest zum Programm. Der Song wirkt bewusst einfach gebaut, besitzt aber ein griffiges Riff und einen Refrain, der schnell hängen bleibt.
Ganz frei von Selbstzitat ist die Nummer nicht. Man spürt, dass Venom an dieser Stelle sehr nah an ihrer eigenen Historie arbeiten. Trotzdem funktioniert der Song durch seine Energie und den klaren Aufbau. Als Live-Nummer dürfte „Lay Down Your Soul“ besonders gut zünden, weil der Refrain direkt auf Beteiligung ausgelegt ist.
Mehr Bewegung im klassischen Fundament
Mit „Nevermore“ wird das Album interessanter, weil die Band hier stärker mit klassischer Heavy-Metal-Dramaturgie arbeitet. Die Nummer galoppiert kontrolliert nach vorne, lässt den Gitarren mehr Raum und verschiebt die einfachen Bausteine geschickter als im vorangegangenen Stück. Rage setzt keine überladenen Gitarrenfiguren ein, sondern arbeitet mit prägnanten Riffs und Leads, die dem Song Struktur geben.
„Man & Beast“ setzt anschließend auf einen schwereren Groove. Das Stück steht auf einem stabilen Fundament aus Bass und Gitarre, während die Drums den Song kompakt zusammenhalten. Inhaltlich bewegen sich Venom weiterhin im Bereich dunkler Symbolik, körperlicher Bedrohung und animalischer Bilder, musikalisch bleibt das Ganze aber griffig und zielgerichtet.
Thrash-Druck und düstere Handschrift
„Death The Leveller“ führt das Album stärker in Richtung Thrash Metal. Der Song besitzt eine trockene Härte, die sehr gut zur Thematik von Tod und Vergänglichkeit passt. Die Gitarren arbeiten scharf, der Bass bleibt deutlich wahrnehmbar, und Dante sorgt mit kontrolliertem Spiel für den nötigen Schub.
Auch „As Above So Below“ zeigt, dass Venom auf „Into Oblivion“ nicht nur auf stumpfe Wiederholung setzen. Der Song baut seine Wirkung über ein klares Riffgerüst auf und nutzt die okkulte Symbolik nicht bloß als Oberfläche. Die Komposition bleibt direkt, wirkt aber sauberer austariert als manches aus dem späteren Bandkatalog.
Cronos, Rage und Dante als eingespielte Einheit
Die größte Stärke des Albums liegt im Zusammenspiel der aktuellen Besetzung. Cronos bleibt die prägende Figur, weil seine Stimme und sein Bassspiel sofort den typischen Venom-Charakter herstellen. Rage liefert dazu Gitarrenarbeit mit klarer Linie, schneidenden Soli und genügend melodischem Gespür. Dante spielt wuchtig, aber nicht ungeordnet, und setzt seine Akzente dort, wo die Songs zusätzlichen Druck brauchen.
„Kicked Outta Hell“ bringt diese Qualitäten sehr gut zusammen. Der Song arbeitet mit der bekannten Venom-Überheblichkeit, dreht den Teufelsmythos fast ironisch um und besitzt dabei einen der stärkeren Refrainmomente des Albums. Hier wirkt die Band nicht bemüht, sondern selbstbewusst und spielfreudig.
Hymnen, Trotz und metallischer Direktzugriff
„Legend“ schlägt eine etwas hymnischere Richtung ein und gibt dem Album eine weitere Farbe. Der Song wirkt weniger aggressiv als einige Vorgänger, bleibt aber fest im klassischen Heavy-Metal-Bereich verankert. „Live Loud“funktioniert danach als klar formuliertes Bekenntnis zur Lautstärke, zur Bühne und zur eigenen Szene.
Mit „Metal Bloody Metal“ bewegen sich Venom sehr nah an der Selbstvergewisserung. Der Song ist direkt, einfach und fast schon demonstrativ auf den Punkt gespielt. Das kann man als vorhersehbar empfinden, doch innerhalb dieses Albums erfüllt die Nummer ihren Zweck. Sie liefert eine kompakte Metal-Hymne ohne unnötige Ausschmückung.
Späte Albumhälfte mit stabilem Druck
„Dogs Of War“ bringt wieder stärkere Härte ins Spiel. Die Gitarren stehen sauber im Vordergrund, während Bass und Schlagzeug das Stück fest zusammenhalten. Die Kriegsthematik wird musikalisch durch einen schweren, marschierenden Charakter unterstützt, ohne dass der Song an Tempo verliert.
„Deathwitch“ gehört zu den Stücken, die besonders gut zeigen, wie Venom auf diesem Album ihre alten Stärken mit einem zeitgemäßeren Sound verbinden. Das Riffing bleibt rau, aber verständlich, die Drums treiben zuverlässig nach vorne, und Cronos gibt der Nummer mit seiner unverwechselbaren Stimme den nötigen Biss.
Mit „Unholy Mother“ endet die Platte in passender Atmosphäre. Der Song bündelt noch einmal die dunkle Symbolik, die robuste Rhythmusarbeit und den klassischen Venom-Charakter. Als Abschluss funktioniert die Nummer überzeugend, weil sie das Album nicht künstlich vergrößert, sondern konsequent im eigenen Stil beendet.
Produktion und Sound
Die Produktion ist ein wesentlicher Grund, warum „Into Oblivion“ so gut funktioniert. Das Album klingt roh genug, um den Charakter der Band nicht zu glätten, besitzt aber genügend Transparenz, damit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Stimme klar wahrnehmbar bleiben. Besonders der Bass ist präsent, ohne den Mix zu überladen.
Die Gitarren haben Schärfe, die Drums besitzen Druck, und die Vocals sitzen fest im Zentrum. Dadurch entsteht ein Soundbild, das nicht modern steril wirkt, aber deutlich kontrollierter ist als manche rein nostalgische Old-School-Produktion. Venom behalten ihren Schmutz, klingen dabei aber nicht nach Nachlässigkeit.
Kritikpunkte
Ganz ohne Schwächen bleibt „Into Oblivion“ nicht. Einige Refrains verlassen sich stark auf bekannte Bandformeln, und manche Motive aus Satanismus, Krieg, Kult und Metal-Selbstbehauptung sind sehr vertraut. Wer bei Venom grundsätzlich mit der reduzierten Bauweise hadert, wird auch hier nicht vollständig überzeugt werden.
Trotzdem überwiegen die Stärken deutlich. Das Album besitzt Druck, eine stabile Bandperformance und genug prägnante Songs, um nicht nur vom Namen Venom zu leben. Besonders positiv fällt auf, dass die Band roh bleibt, aber nicht unkonzentriert wirkt.
Fazit
„Into Oblivion“ ist kein Angriff auf die frühen Klassiker, aber ein erstaunlich vitales Spätwerk mit starkem Sound, guter Bandchemie und überzeugender Heavy-/Thrash-Metal-Direktheit. Venom klingen altgedient, aber keineswegs verbraucht, und liefern ein Album, das Haltung, Schmutz und metallische Entschlossenheit sauber zusammenführt.
Wertung
8,5 von 10 Punkten
Anspieltipps
Into Oblivion
Nevermore
Kicked Outta Hell
Deathwitch
Unholy Mother
Tracklist
01. Into Oblivion
02. Lay Down Your Soul
03. Nevermore
04. Man & Beast
05. Death The Leveller
06. As Above So Below
07. Kicked Outta Hell
08. Legend
09. Live Loud
10. Metal Bloody Metal
11. Dogs Of War
12. Deathwitch
13. Unholy Mother
Credits
Cronos – Bass, Gesang
Rage – Gitarre
Dante – Schlagzeug
Links
Venom – Offizielle Webseite:
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Interpret: Venom
Titel: Into Oblivion
Herkunft: Newcastle upon Tyne, England
Format: Album
VÖ: 1. Mai 2026
Genre: Heavy Metal / Thrash Metal / Black Metal / First Wave Black Metal
Label: Noise / BMG