TONY HARNELL DENKT MANCHMAL ANS AUFHÖREN – DOCH SOBALD DER TNT-SÄNGER WIEDER AUF EINER BÜHNE STEHT, IST DIE LEIDENSCHAFT ZURÜCK. JETZT KÜNDIGT ER AN, MUSIKALISCH WIEDER STÄRKER ZU SEINEN KLASSISCHEN METAL-WURZELN ZURÜCKKEHREN ZU WOLLEN.
Es gibt Stimmen, die einen als Metal-Fan ein Leben lang begleiten. Für mich gehört Tony Harnell definitiv dazu.
Als ich in den Achtzigern TNT entdeckte, war da zunächst diese außergewöhnliche Stimme: glasklar, enorm hoch, kraftvoll und trotzdem melodisch. Zusammen mit dem unverwechselbaren Gitarrenspiel von Ronni Le Tekrø entstand ein Sound, der TNT deutlich aus der damaligen Hard-Rock- und Metal-Masse heraushob.
Und dann kam „10,000 Lovers (In One)“.
Dieser Song vom 1987 erschienenen Album „Tell No Tales“ lief bei mir damals praktisch in Dauerrotation. Ein Refrain, der sich festsetzt, Le Tekrøs Gitarren und darüber Harnells Stimme – genau solche Songs erklären, warum man bestimmte Bands Jahrzehnte später noch mit einer ganz bestimmten Zeit seines Lebens verbindet. „Tell No Tales“ wurde 1987 zudem mit dem norwegischen Spellemann-Preis als bestes Rockalbum ausgezeichnet.
Tony Harnell denkt ans Aufhören – manchmal
Umso interessanter sind Harnells aktuelle Worte über seine Zukunft als Musiker.
Der Sänger räumt ein, dass ihm durchaus gelegentlich der Gedanke kommt, aufzuhören. Doch dann passiert etwas Entscheidendes: Er geht wieder auf die Bühne.
Harnell sagt sinngemäß, dass er bei Konzerten immer wieder feststellt, wie sehr ihm Singen und Entertainment noch immer Freude bereiten. Und dass nach all den Jahren weiterhin Menschen kommen, um ihn zu hören, empfindet er als Privileg und Geschenk.
Vor allem aber macht eine weitere Aussage hellhörig:
„I’m ready to get back to my classic metal roots.“
Harnell spricht davon, die Seite umzublättern und ein neues Kapitel zu beginnen.
Was genau dieses neue Kapitel musikalisch oder personell bedeuten wird, lässt sich aus dieser Aussage allein noch nicht ableiten. Eine konkrete neue Band, ein Album oder ein bestimmtes Projekt sollte man daraus deshalb noch nicht konstruieren.
Aber die Richtung, die Harnell selbst nennt, ist eindeutig: zurück zu seinen klassischen Metal-Wurzeln.
Genau dort begann die große TNT-Ära
Und diese Aussage bekommt angesichts seiner Geschichte besonderes Gewicht.
Harnell stieß Mitte der Achtziger zu TNT und war erstmals auf „Knights Of The New Thunder“ (1984) zu hören. Dieses Album war noch deutlich stärker im traditionellen Heavy Metal verwurzelt als einige der späteren Veröffentlichungen.
Mit „Tell No Tales“ (1987) folgte dann der große melodische Durchbruch. Songs wie „Everyone’s A Star“, „As Far As The Eye Can See“ und eben „10,000 Lovers (In One)“ verbanden harte Gitarren mit riesigen Melodien und Harnells spektakulärem Gesang. Zwei Jahre später ließ TNT auf „Intuition“ die Grenzen zwischen Heavy Metal und AOR noch stärker verschwimmen.
Diese Alben gehören bis heute zum Kern des TNT-Vermächtnisses. Auf der offiziellen Bandseite werden „Knights Of The New Thunder“, „Tell No Tales“ und „Intuition“ entsprechend als zentrale Werke der Bandgeschichte hervorgehoben.
Eine Stimme, die eine Generation geprägt hat
Harnells Bedeutung nur auf seine extremen Höhen zu reduzieren, würde ihm allerdings nicht gerecht.
Natürlich war diese unglaubliche obere Lage eines seiner Markenzeichen. Aber entscheidend war, wie melodisch er sie einsetzen konnte. Harnell konnte einen Metal-Song mit enormer Kraft singen und im nächsten Moment einen Refrain beinahe schwerelos wirken lassen.
Das Zusammenspiel mit Ronni Le Tekrø war dabei ein wesentlicher Bestandteil des klassischen TNT-Sounds.
Harnell selbst hat im Laufe seiner Karriere durchaus kritisch auf seinen früheren Gesang zurückgeblickt. In einem älteren Interview bezeichnete er sich rückblickend als guten Techniker, meinte aber gleichzeitig, damals teilweise zu hoch gesungen zu haben.
Für viele Fans dürfte gerade diese kompromisslose Stimme allerdings für immer mit der goldenen TNT-Ära verbunden bleiben.
Zurück zum klassischen Metal?
Deshalb macht dieser eine Satz neugierig.
Wenn Tony Harnell sagt, er sei bereit, zu seinen „classic metal roots“ zurückzukehren, entstehen im Kopf eines alten TNT-Fans sofort diese Bilder: „Knights Of The New Thunder“. „Tell No Tales“. Große Gitarren. Große Refrains. Melodien ohne Sicherheitsnetz.
Noch wissen wir nicht, wohin das angekündigte nächste Kapitel führt.
Aber eines scheint Harnell selbst beantwortet zu haben: Der letzte Vorhang ist noch lange nicht gefallen.
Und ganz persönlich gesprochen: Wenn ich „10,000 Lovers (In One)“ heute höre, funktioniert dieser verdammte Song bei mir noch genauso wie damals.
Manche Platten werden älter.
Manche werden Teil der eigenen Geschichte. TNT gehören für mich dazu
