Mit „Dark Asylum“ öffnen KAMELOT die Tore zu RavenHill und führen den Hörer tief in die Abgründe der menschlichen Psyche. Das 14. Studioalbum verbindet die bekannte symphonische Größe der Band mit einem düsteren Konzept, zahlreichen Gästen und einigen der stärksten melodischen Momente der jüngeren KAMELOT-Geschichte.
Fakten
Band: Kamelot
Album: Dark Asylum
Genre: Symphonic Metal / Power Metal
Studioalbum: Nr. 14
Tracks: 15
Bewertung: 9/10
Review
Mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung müssen KAMELOT niemandem mehr beweisen, dass sie monumentale, dramatische Metal-Alben erschaffen können. Bei „Dark Asylum“ gehen die Amerikaner dennoch einen Schritt weiter und bauen ein komplettes erzählerisches Umfeld um ihre Musik.
Im Zentrum steht RavenHill, ein ehemaliger sakraler Ort, der später zu einer psychiatrischen Einrichtung wurde. Durch diese Welt bewegt sich ein namenloser Patient, dessen Erinnerungen und Wahrnehmung zunehmend verschwimmen. Der Weg führt durch Dunkelheit, Zweifel und Identitätsverlust, letztlich aber auch in Richtung Erkenntnis und Hoffnung.
Bereits das eröffnende „Sanctorium“ dient als atmosphärischer Eintritt in diese Welt, bevor „Ashen World“ das Album richtig in Bewegung bringt. Hier ist erstmals Ignacia Fernández zu hören, die im Verlauf des Albums noch einmal eine wichtige Rolle spielen wird.
Der Titelsong „Dark Asylum“ führt anschließend tiefer in das Konzept. Eine gesprochene Einleitung von Kiara Huber verstärkt den theatralischen Charakter, bevor das Album mit „Sanctuary“ einen seiner zentralen Momente erreicht. Neben Tommy Karevik sind hier Clémentine Delauney von VISIONS OF ATLANTIS und erneut Ignacia Fernández beteiligt. Drei unterschiedliche Stimmen treffen aufeinander und machen den Song zu einem der auffälligsten Stücke des Albums.
Mit „One Last Masquerade“ folgt ein weiteres prominentes Gastspiel. Tobias Sammet von AVANTASIA trifft auf Tommy Karevik – eine Kombination, die hervorragend in die opulente Welt von „Dark Asylum“ passt.
Einer der Höhepunkte ist „Godlike Alchemy“. Der Song bringt viele der Eigenschaften zusammen, für die KAMELOT stehen: große Orchestrierungen, melodische Hooks, schwere Gitarren und Kareviks kontrollierte, kraftvolle Stimme. Inhaltlich steht die Erkenntnis im Mittelpunkt, dass die Kraft zur Veränderung und Heilung nicht zwangsläufig außerhalb des eigenen Selbst gesucht werden muss.
Doch „Dark Asylum“ lebt nicht ausschließlich von großen Refrains. Titel wie „The Sleeping Mind (Orphic Paradigm)“, „Kaleidoscope“ und „Enigma (Think of Me)“ führen das psychologische Grundthema weiter und beschäftigen sich mit Unterbewusstsein, Erinnerung und einer zunehmend fragmentierten Wahrnehmung.
Besonders interessant ist „Cassandra’s Disease“. Die Anspielung auf die mythologische Kassandra – dazu verdammt, die Wahrheit vorherzusehen, ohne dass ihr geglaubt wird – fügt sich ausgezeichnet in eine Geschichte ein, in der Realität, Wahrnehmung und vermeintlicher Wahnsinn ständig miteinander kollidieren.
Mit „Beneath the Moon (Tunglið)“ verändert sich die Atmosphäre erneut. Rannveig Sif Sigurðardóttir, Sólveig Sara Leupold und ELUVEITIE-Violinistin Lea-Sophie Fischer erweitern hier das Klangbild und schaffen einen bewussten Kontrast zu den massiveren Passagen des Albums.
Über „The Puppet King“ führt der Weg schließlich zum abschließenden „Sanctum Requiem“, das die Reise durch RavenHill beendet.
15 Songs sind allerdings eine Ansage. „Dark Asylum“ verlangt Zeit und Aufmerksamkeit. Wer lediglich einzelne Songs nebenbei hören möchte, wird vermutlich nicht die ganze Wirkung dieses Albums erfahren. Konzept, Dramaturgie und die zahlreichen Gäste sorgen für eine hohe Informationsdichte, die stellenweise auch zur Herausforderung werden kann.
Gerade darin liegt jedoch eine der Stärken des Albums. KAMELOT versuchen nicht, ihr eigenes Erfolgsrezept lediglich noch einmal zu wiederholen. Sie nutzen die vertrauten Bestandteile ihrer Musik, um daraus eine zusammenhängende Geschichte zu formen.
Tommy Karevik trägt dabei einen erheblichen Teil des Albums. Seine Stimme bleibt auch innerhalb der großen Arrangements präsent und gibt der Geschichte den notwendigen menschlichen Mittelpunkt. Thomas Youngblood setzt mit seinen Gitarren immer wieder Akzente, während die orchestralen und keyboardgetragenen Elemente das Fundament für die düstere RavenHill-Welt schaffen.
„Dark Asylum“ ist groß, dunkel und bewusst theatralisch. Genau deshalb funktioniert es.
Line-up
Tommy Karevik – Gesang
Thomas Youngblood – Gitarre
Oliver Palotai – Keyboards
Sean Tibbetts – Bass
Alex Landenburg – Schlagzeug
Tracklist
- Sanctorium
- Ashen World feat. Ignacia Fernández
- Dark Asylum
- Sanctuary feat. Clémentine Delauney & Ignacia Fernández
- Nocte Veritas
- One Last Masquerade feat. Tobias Sammet
- Ivy, My Dear
- Godlike Alchemy
- The Sleeping Mind (Orphic Paradigm)
- Kaleidoscope
- Enigma (Think of Me)
- Cassandra’s Disease
- Beneath the Moon (Tunglið) feat. Rannveig Sif Sigurðardóttir, Sólveig Sara Leupold & Lea-Sophie Fischer
- The Puppet King
- Sanctum Requiem
Fazit
KAMELOT liefern mit „Dark Asylum“ ein ambitioniertes Konzeptalbum, das seine Stärke aus der Verbindung von Geschichte, Atmosphäre und der musikalischen Handschrift der Band zieht. Die zahlreichen Gäste werden gezielt eingesetzt, Tommy Karevik überzeugt als zentraler Erzähler und Thomas Youngblood sorgt dafür, dass hinter aller orchestralen Größe weiterhin eine Metal-Band steht.
Die enorme Dichte von 15 Songs verlangt dem Hörer einiges ab. Wer sich jedoch auf RavenHill und seine düstere Geschichte einlässt, bekommt ein detailreiches Album, das nicht nach einem Durchlauf alles preisgibt.
METALHEADS WORLD WERTUNG: 9/10
