ZWEI LEGENDÄRE BANDS, ZWEI GROSSARTIGE BLUESROCK-SONGS UND EINE ÄHNLICHKEIT, DIE SICH NUR SCHWER ÜBERHÖREN LÄSST: ZZ TOP VERÖFFENTLICHTEN 1973 JESUS JUST LEFT CHICAGO. DREI JAHRE SPÄTER FOLGTEN AC/DC MIT RIDE ON. UND ALS BILLY GIBBONS AUF DIE SACHE ANGESPROCHEN WURDE, HATTE ER EINE HERRLICH ENTSPANNTE ANTWORT PARAT.
Wer Jesus Just Left Chicago von ZZ Top hört und unmittelbar danach Ride On von AC/DC auflegt, dürfte ziemlich schnell hellhörig werden.
Beide Songs bewegen sich in einem langsamen, schweren Blues-Groove. Die Atmosphäre, das Tempo und Teile der musikalischen Grundstruktur weisen auffällige Parallelen auf.
Und dabei gibt es eine wichtige zeitliche Reihenfolge: ZZ Top waren zuerst da.
1973: ZZ Top veröffentlichen Jesus Just Left Chicago
Jesus Just Left Chicago erschien 1973 auf dem dritten ZZ-Top-Album Tres Hombres.
Die Platte wurde zu einem entscheidenden Meilenstein für das texanische Trio Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard. Neben Jesus Just Left Chicago enthält das Album mit La Grange und Waitin‘ For The Bus weitere Songs, die später zu Klassikern der Band wurden.
Jesus Just Left Chicago steht tief in der amerikanischen Bluestradition. Langsames Tempo, ein schwerer Groove und Billy Gibbons‘ sparsame, aber enorm wirkungsvolle Gitarrenarbeit bestimmen den Song.
Und genau hier beginnt die Verbindung zu AC/DC.
1976: AC/DC legen Ride On nach
Drei Jahre später veröffentlichten AC/DC ihr Album Dirty Deeds Done Dirt Cheap.
Zwischen Songs wie Dirty Deeds Done Dirt Cheap, Problem Child und There’s Gonna Be Some Rockin‘ befindet sich eine Nummer, die innerhalb des frühen AC/DC-Katalogs eine Sonderstellung einnimmt:
Ride On.
Statt der üblichen Vollgas-Attacke von Angus und Malcolm Young gibt es einen langsamen Blues. Und statt des frechen, dreckigen Rock’n’Roll-Frontmanns zeigt sich Bon Scott ungewöhnlich nachdenklich und verletzlich.
Hört man beide Songs hintereinander, ist die Ähnlichkeit tatsächlich bemerkenswert.
Haben sich AC/DC bei ZZ Top bedient?
Das ist die große Frage.
Dass Jesus Just Left Chicago drei Jahre vor Ride On veröffentlicht wurde, steht fest. Ebenso lässt sich die musikalische Nähe zwischen beiden Stücken kaum bestreiten.
Daraus automatisch ein Plagiat zu machen, wäre allerdings zu einfach.
Denn sowohl ZZ Top als auch AC/DC schöpften aus derselben großen Quelle: dem Blues. Bestimmte Akkordfolgen, Rhythmen, Gitarrenfiguren und Songstrukturen existierten lange bevor Billy Gibbons oder die Young-Brüder eine Gitarre in die Hand nahmen.
Gerade der Blues lebt seit Generationen davon, musikalische Ideen aufzugreifen, weiterzugeben und in eine eigene Sprache zu verwandeln.
Trotzdem bleibt die zeitliche Abfolge verdammt interessant.
1973 – ZZ Top: Jesus Just Left Chicago
1976 – AC/DC: Ride On
Und wer beide Stücke direkt miteinander vergleicht, versteht sofort, warum diese Verbindung unter Rockfans immer wieder diskutiert wird.
Aus ähnlichen Zutaten entstehen zwei völlig verschiedene Songs
Noch spannender ist allerdings, was beide Bands aus dieser musikalischen Grundlage machen.
Jesus Just Left Chicago besitzt diese typische, staubige Texas-Blues-Atmosphäre, die ZZ Top in den frühen 1970er Jahren perfektionierten.
Ride On ist dagegen tief mit Bon Scotts Persönlichkeit verbunden.
Der Text erzählt von Einsamkeit, Alkohol, gescheiterten Beziehungen und dem Wissen, dass man sein Leben eigentlich ändern müsste. Bon Scott singt hier nicht den unbesiegbaren Rock’n’Roll-Rebellen.
Er zeigt den Menschen dahinter.
Gerade deshalb gehört Ride On für viele Fans zu den intensivsten Songs der gesamten Bon-Scott-Ära.
Die musikalischen Parallelen mögen auffällig sein – emotional haben beide Stücke dennoch ihre ganz eigene Identität.
Dann wurde Billy Gibbons darauf angesprochen
Und hier bekommt die Geschichte ihre vielleicht schönste Pointe.
In einer erhaltenen Interviewaufnahme wird Billy Gibbons direkt auf die Sache angesprochen.
Der Interviewer formuliert dabei alles andere als zurückhaltend. Er spielt auf frühere Auseinandersetzungen um musikalische Ähnlichkeiten an und schlägt Gibbons scherzhaft vor, wegen AC/DC entsprechend juristisch zurückzuschlagen.
Doch Billy Gibbons reagiert nicht empört.
Keine Anschuldigung. Kein Drama. Keine Abrechnung.
Stattdessen kommt die herrlich trockene Antwort:
„Well, we love AC/DC.“
Als sein Gesprächspartner darauf reagiert, setzt Gibbons sinngemäß noch einen drauf:
„What are we gonna do?“
Mehr Rock’n’Roll-Gelassenheit geht eigentlich kaum.
Kein Plagiatsvorwurf – aber eine verdammt interessante Verbindung
Natürlich beweist auch Billy Gibbons‘ Reaktion nicht, dass Angus Young, Malcolm Young und Bon Scott 1976 bewusst Jesus Just Left Chicago als Vorlage für Ride On verwendeten.
Sie zeigt aber, dass Gibbons mit der angesprochenen Verbindung äußerst entspannt umging.
Und vielleicht ist „Inspiration“ ohnehin das bessere Wort.
Rockmusik funktioniert seit ihren Anfängen durch Einflüsse. Bluesmusiker beeinflussten die ersten Rock’n’Roll-Künstler. Diese wiederum inspirierten die nächste Generation. ZZ Top machten aus ihren Blueswurzeln einen unverkennbaren Texas-Sound – und AC/DC entwickelten aus Blues, Rock’n’Roll und Hard Rock ihre eigene musikalische Dampfwalze.
Am Ende wurden beide Bands selbst zu Vorbildern für unzählige Musiker.
Macht den Test selbst
Die beste Möglichkeit, diese Geschichte zu beurteilen, braucht eigentlich keine musikwissenschaftliche Analyse.
Nehmt euch ein paar Minuten.
Zuerst:
ZZ Top – Jesus Just Left Chicago (1973)
Und unmittelbar danach:
AC/DC – Ride On (1976)
Augen zu. Lautstärke hoch.
Die Ähnlichkeit ist schwer zu ignorieren.
Ob es sich um eine direkte Inspiration, gemeinsame Blues-DNA oder einfach zwei Bands handelt, die aus denselben musikalischen Wurzeln schöpften, darf jeder selbst entscheiden.
Billy Gibbons scheint die ganze Angelegenheit jedenfalls wesentlich entspannter gesehen zu haben:
„Well, we love AC/DC.“
Verdammt gute Antwort.