Z7 Openair, Pratteln
3. August 2026
TEXT & FOTOS: IVY WOLFISBERG
Die Temperaturanzeige in meinen Fiat Cabriolet zeigte eine immer höhere Zahl an und als die Fahrt auf dem zugewiesenen Parkplatz in Pratteln endete, waren die Ziffern um eine 40 anzuzeigen gar nicht mehr fern. Die Schweiz erlebt in diesem Sommer Rekordwerte an Temperaturen und ich erlebe grad auch eine Rekordzahl an Adrenalinstössen und Endorphin-Schüben, was die Konzertbuchungen bzw. Besuche in diesem Jahr betrifft. Allein in dieser Woche kann ich mit u.a. Death Angel, Saxon, Nevermore, Rose Tattoo und natürlich Savatage fünf Bands der harten Musikfraktion live sehen, die ich schon in den letzten Jahrzehnten (ok, Nevermore nur in der letzten Dekade) des letzten Jahrhunderts im letzen Jahrtausends eingehend hörte und auch live sah. Und in dieser Woche gaben sich diese Bands in der Schweiz just die Klinke in die Hand, drei der Konzerte fanden bzw. finden praktisch hintereinander zwischen Montag bis Donnerstag im Areal des Z7 «openair» statt.
Der Zuschaueraufmarsch an diesem Montagabend war trotz Wochenbeginn und Sommerferienzeit sehr gut. Nun, der Grossteil des Publikums ist bereits auch in dem Alter, wo man in der Regel keine Schulkinder mehr in der Familie hat und somit nicht auf die entsprechenden TUI-Reisen-Angebote zu den überfüllten Stränden Europas achten und buchen muss. Apropos Familie, es war gestern für mich wieder eine Art Rockfamilientreffen in Pratteln. SAVATAGE war und ist eine Band, die die Hardrock-Gourmets fast immer verwöhnt hatte. Vor dreizehn Monaten war die Band das erste Mal seit zwei Dekaden wieder auf Tour und damals spielten sie im Komplex 457 in Zürich. Und nun am Open-Air im Z7, was sound- und platzmässig sicher eine (grössere) Verbesserung gegenüber zum Vorjahr war.
Doch zunächst traten die wieder auferstandenen NEVERMORE aus Seattle auf die Aussenbühne des legendären Rocktempels. Ich muss gestehen, meine Erwartungen an diesen Support Act waren nicht allzu gross. Der Originalsänger Warrel Dane verstarb vor ein paar Jahren und ihn stimmlich zu ersetzen, war eine grosse Hypothek für Gitarrist Jeff Loomis und Drummer Van Williams. Um es vorneweg zu nehmen, das Konzert von NEVERMORE gehört nun zu den grössten Überraschungen in diesem für mich grossartigen Konzertjahres. Der allergrösste Pluspunkt der Band ist der neue, aus der Türkei stammende Sänger Berzan Önen, der gesanglich nach einer Mischung eben dieses Warrel Dane und eines Geoff Tate tönte und den beiden obgenannten Musikers die «Sänger-Hypothek» mit Leichtigkeit abnahm. Ob tiefere Töne oder Töne in Himalaya-Höhen, Berkan sang kraftvoll, hatte eine großartige Bühnenpräsenz und sah mit seinen hüftlangen Haaren und mächtigem Bart wie ein kraftvoller nordischer Gott aus. Und dann durfte die -> Vorgruppe <- NEVERMORE einen verdammt geilen Sound haben. Dieser Sound war druckvoll, aber auch sehr deutlich und fein gemischt und machte bereits dieses Set zu einem tollen Hörgenuss. Die Band durfte auch 75 Minuten spielen und konnte somit als Support Act eine Art Double Headliner Show spielen. Wahnsinn! Die Messlatte wurde von NEVERMORE für diesen Abend sehr hoch gesetzt! Jeff Loomis spielte wie ein kleiner Gott und aus der Ferne glich er etwas dem holländischen Gitarristen Adrian Vandenberg (ex-Whitesnake). NEVEMORE vermischte ihren progressiven Sound mit Thrash- und Power-Metal-Elementen und überzeugte vollends. Sie hatten sogar so viel Selbstvertrauen, dass sie ihr Set mit dem Prog-Song «Beyond Within» begannen. Das tolle Set von NEVERMORE überzeugte das Publikum enorm und der Applaus und die Teilnahme der Rockfans im Z7 Areal war sehr gross. NEVERMORE brannte sich nachhaltig in die Hirnwindungen vieler hundert Anwesenden ein und das Comeback der Prog-Thrasher konnte als sehr gelungen bezeichnet werden! Im Song «This Godless Endeavor» wurde die hohe Qualität von Berzan’s Stimme deutlich gezeigt. Unglaublich wie dieser Mann mit einer tieferen Sprechstimme feine hohe Töne singen kann und dann im gleichen Song wieder in voller Power geordnet und perfekt zu shouten! NEVERMORE konnten ein Dutzend Songs an diesem heissen Abend in Pratteln spielen und sie taten dies ohne Kompromisse. Wie schon erwähnt, dieses Konzert der Band aus Seattle gehört zu den grössten Überraschungen für mich in diesem Jahr. Oder sogar in den letzten Jahren.
Bevor nun SAVATAGE eine halbe Stunde später auf die Bühne kamen, hatte Petrus noch einen kurzen Gruss nach Pratteln geschickt. Die Bäume durften sich ein paar tausend Blätter entledigen und die Wolken gönnten uns etwa zwei Regentropfen pro Quadratmeter. Doch der erhoffte (aus Bauernsicht) und befürchtete (aus Konzertgängersicht) Regen kam nicht. Es war somit etwas weniger als eine «Handful of Rain», aber der Wind hätte gut zur Platte «The Wake of Magellan» gepasst.
Nach dem Intro folgte ein gespielter Ausschnitt von «Morphine Child», der dann in «Dead Winter Dead» rüberging. Ha, just gestern trug ich das Shirt zu dieser LP und somit war ich für den Beginn des Konzertes grad adrett und richtig gekleidet. Natürlich durften wir uns auch bei SAVATAGE schon zu Beginn des Gigs über einen göttlich gemischten Sound freuen. Ja, die Band war in grossartiger Spiellaune und der nun leichte Wind, der durch das Areal wehte, machte auch auf der Temperaturseite das Konzert zu einen wunderbar schönen Sommerabend-Anlass.
Unmittelbar nach dem «Winterlied» ging es über zum geilen «Streets»-Klassiker «Jesus Saves». Wow, was für eine Soundwucht kam aus dem Boxen der Z7-Soundanlage. Und Sänger Zak Stevens sang mit einer unglaublich tollen Stimme. Ja, seine Stimme war im Gegensatz zum letztjährigen Konzert in Zürich an diesem Abend perfekt, stark und variantenreich. Und er redete nicht zu viel zwischen den Liedern, so dass wir an diesem Abend einen tollen, nicht zu stark unterbrochenen Konzertablauf erlebten. «Lights Out» wurde lautstark vom Publikum mitgesungen und SAVATAGE wusste dann «This Is The Time» für sie hier in Pratteln. Die Band freute sich sichtlich über den überschwänglichen und grossartigen Empfang des Publikums hier im Baselland.
Herrgott, war das ein tolles Gefühl, die Jungs aus Tampa / Florida wieder live zu sehen. Und dieses Mal mit der für die Band wirklich würdigen Soundqualität. Die SAVATAGE-Songs sind so geschrieben, dass der richtige, druckvolle Sound die Wirkung der Songs auch wirklich entfalten lässt und den Fans ein allen Poren und Hirnzellen einfährt. War es im Komplex 457 in Zürich noch so, dass wir uns vom freudigen Gefühl her führen liessen, die Band endlich wieder einmal nach zwei Jahrzehnten live zu sehen, erhielten wir Zuschauer gestern die absolute Kür. Ein Göttersound, eine tolle Setliste und vor allem eine Band, die einfach perfekt spielte. Zwei Keyboarder, die im Hintergrund agierten, komplettierten den Fünfer um Sänger Zak Stevens, den Gitarristen Chris Caffery und Al Pitrelli, dem Bassisten Johnny Lee Middleton und dem Schlagzeuger Jeff Plate. Mastermind Jon Oliva wurde noch per Videosequenz bei «Believe» eingebracht und ja, bei diesem Song musste einfach jeder Fan zugestehen, dass nun definitiv Gänsehaut im Grossverteiler-Modus die Arme zierte.
Chris Caffery war der hauptsächliche Leadgitarrist von SAVATAGE und spielte die Soli im Sinne des verstorbenen Criss Oliva. Was mich etwas erstaunte, war die Tatsache, dass der Weltklasse-Gitarrist Al Pitrelli weniger Soli spielte und auch lichtmässig immer wieder eher im dunkleren Bereich der Bühne war. Apropos Licht, ja, das Licht war nicht optimal, die Bühne wurde nicht immer so ausgelichtet, dass man alle Musiker gut sehen konnte. Etwas störend wirkten auch die doch etwas zu hellen Video-Animationen im Hintergrund, die dann auch fast etwas die Sicht auf die Musiker störte. Aber ja, das ist Jammern auf hohem Niveau und kann aufgrund der absolut grossartigen musikalischen Leistung der Band in den mentalen Hintergrund gelegt werden. Aber ja, das eine oder andere geniale Solo wurde auch von Al Pitrelli gespielt, wobei der hauptsächliche Teil auf Chris Caffery fiel. Al’s Rolle ist vermutlich auch noch als «SAVA-Orchester-Dirigent» zu sehen, denn er war auch derjenige Musiker, der zu den anderen Bandmitgliedern ging und ihnen kleine Anweisungen gab.
Natürlich durften die grossen Klassiker der Band nicht fehlen. Und die Kanon Gesänge in den Liedern «Chance» und «The Hourglass» waren vom Feinsten. Hier konnte die Hinzunahme von sangestauglichen Keyboardern als grosser Pluspunkt gewertet werden. Auch Gitarrist Chris Caffery konnte mit «Warriors» noch einen der alten Tracks singen und ja, seine Stimme überzeugte und erinnerte leicht an das Organ von Jon Oliva!
Für mich stimmte die Setliste. Einzig «When The Crowds Are Gone” hat mir noch gefehlt, aber hey, bei zwei Stunden Konzertdauer und einem Repertoire von 23 Liedern darf man überhaupt nicht klagen. Klar ist, dass jedem vielleicht der eine oder andere Song fehlte, aber SAVATAGE machten das richtig mit ihrer Auswahl, man hatte ein paar alte Klassiker im Programm sowie neuere Lieder, wobei hier das Wort «neuere» wohl bei einem Mindestlebensalter eines Liedes von 20 Jahren eher hmm nicht ganz korrekt ist. Ich freute mich jedenfalls über gespielte Songs wie «Strange Wings», «Tonight He Grins Again», «Power Of The Night» oder «Unusual». Alles Songs, der eher zweiten Reihe von SAVATAGE nach den grossen, bekannten Klassikern, aber aufgrund der songschreiberischen Qualität bei jeder Power Metal Band wohl zuoberst stehen würden.
Am Ende des fantastischen Konzertes gab es noch die O(h)rgasmus für die Fans der orchestraleren Liedern von SAVATAGE. Nach «Believe» kamen «Gutter Ballet», «The Edge of Thorns» und als einzige Zugabe «Hall of the Mountain King” in einer wuchtigen Soundqualität aus den grossen Boxen der Festivalbühne.
Herrgottszeiten, ja, wirklich, Gott muss ein Metalfan sein und vermutlich gerade seine Sommerferien in der Schweiz verbringen. Oder wie können wir uns erklären, dass wir in der ersten Augustwoche einen konzertmässigen Hochflieger nach dem anderem erleben können? Aber ohne mich gross aus dem Fenster zu lehnen, das, was wir gestern in Pratteln gesehen hatten, ist schwer zu übertreffen. Ohne zu übertreiben, dieser Konzertabend ist eine «Prelude To Madness», ein Toröffner zur absoluten konzertmässigen Befriedigung im schmalen Grad zwischen Verrücktheit und Genialität gewesen. Besser kann es fast nicht mehr gehen. Wir sahen zwei Bands in absoluter Topform mit einem Göttersound und einer gesamten, sehr oberamtlichen Spielzeit von 3 ¼ Stunden purer Musik (NEVERMORE 75 Minuten, SAVATAGE 120 Minuten). Was will man noch mehr?
Ohne zu übertreiben, dieser Konzertabend wird im obersten Bereich in meinem Konzertbesuchs-Chart stehen. Ich habe über 2’000 Konzerte bisher seit Mitte der 80er-Jahre gesehen, und das hier gestern war eines der allerbesten Konzerterlebnisse davon. Cheerzzz !!!









