MANCHMAL VERSCHWINDET EIN GUTES ALBUM NICHT WEGEN MANGELNDER QUALITÄT, SONDERN EINFACH ZUM FALSCHEN ZEITPUNKT. DAS SELBSTBETITELTE DEBÜT VON PIPEDREAM AUS DEM JAHR 1979 BEKOMMT NUN ALS REMASTERTE CD-WIEDERVERÖFFENTLICHUNG ÜBER BAD REPUTATION EINE NEUE CHANCE.
Es gibt diese Platten, bei denen man sich Jahrzehnte später fragt, warum sie damals nicht wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen haben. Pipedream gehört offensichtlich in diese Kategorie.
Das selbstbetitelte Album erschien ursprünglich 1979 und brachte eine bemerkenswerte Mannschaft zusammen. Am Mikrofon stand Willy Daffren, an der Gitarre Ben Schultz, am Schlagzeug Jan Uvena und am Bass niemand Geringeres als Tim Bogert, bekannt durch seine Arbeit mit Cactus sowie Beck, Bogert & Appice.
Nun wird das lange übersehene Album in remasterter Form auf CD über Bad Reputation neu aufgelegt.
Songs statt Selbstdarstellung
Bei einer Besetzung mit einem Musiker vom Kaliber eines Tim Bogert könnte man ausufernde Instrumentalpassagen und technische Machtdemonstrationen erwarten. Genau das scheint Pipedream jedoch nicht ausgemacht zu haben.
Im Mittelpunkt stehen die Songs, Melodien und Arrangements.
Schon der Opener Part Of It All verbindet kräftige Gitarren mit ausgefeilten Harmonien und einem eingängigen Refrain. Besonders Willy Daffrens Stimme prägt das Material. Melodic.net zieht in seiner Besprechung sogar Parallelen zur melodischen Wärme von Steve Perry, ohne Daffren deshalb als bloße Kopie einzuordnen.
Mehr als klassischer Hard Rock
Interessant wird Pipedream vor allem dort, wo die Musiker die Grenzen des klassischen Rocksounds verlassen.
Only Cause arbeitet mit Cembalo, Streicherarrangements und deutlichen Beatles-Anklängen. Heather schlägt dagegen eine entspanntere und soulige Richtung ein, die an die Doobie Brothers erinnert.
Noch experimentierfreudiger präsentiert sich How Long. Piano, Tabla-Rhythmen und frühe elektronische Percussion-Elemente sorgen für progressive Farbtupfer, ohne den melodischen Charakter der Platte zu verdrängen.
Mit Rosalie wird es schließlich bluesiger. Gerade hier kann Bogert seine Klasse am Bass zeigen, ohne den Song mit technischen Kabinettstückchen zu überladen.
Eine interessante Verbindung zu Steve Perry
Für AOR-Fans dürfte insbesondere Dance On Baby interessant sein. Der Song entstand unter Beteiligung von Steve Perry, der kurz zuvor bei Journey eingestiegen war.
Damit besitzt das Album auch historisch einen interessanten Platz: Ende der 1970er Jahre begann sich der klassische Rocksound zunehmend mit jener hochmelodischen und stärker produzierten Spielart zu verbinden, die wenig später als AOR ihre große Zeit erleben sollte.
Pipedream befanden sich genau an dieser Schnittstelle.
Eine zweite Chance nach fast fünf Jahrzehnten
Dass das Album 1979 keinen nachhaltigen kommerziellen Durchbruch erzielte, sagt wenig über seine musikalische Qualität aus. Gerade solche Veröffentlichungen machen Wiederveröffentlichungen interessant: Nicht jeder vergessene Schatz ist tatsächlich einer – aber manche Platten wurden schlicht vom Lauf der Rockgeschichte überholt.
Die remasterte Neuauflage bietet nun die Gelegenheit, Pipedream fast fünf Jahrzehnte später neu zu entdecken.
Für Fans von klassischem Rock, spätem 70er-Jahre-Melodic Rock und den frühen Wurzeln des AOR könnte sich hier eine echte Ausgrabung verbergen.
