@ Hallenstadion Zürich
19. Juni 2026
TEXT: IVY WOLFISBERG
Es war quasi ein Nostalgietreffen im Hallenstadion Zürich gestern Abend. Das erste Mal übrigens traten Def Leppard am 20. März 1988 an selber Stelle auf. Damals gab es noch die legendäre Radrennbahn in der Halle, man durfte noch an Konzerten rauchen und bei Def Leppard war noch der mittlerweile verstorbene Steve Clark an der Gitarre. Solche Erinnerungen poppten auf, als ich mich im grossen Saal umblickte. Die eine Frage, die noch offen war, wieviele Nostalgie verträgt die Setliste bei Def Leppard und am Ende konnte ich sechs Songs in der gestrigen Setliste eruieren, die auch anno 1988 hier in der Halle gespielt wurden. Ich hätte gerne noch den einen oder anderen alten Song mehr gehört, aber Def Leppard haben ja seit «Hysteria» noch ein paar weitere Alben veröffentlicht, deren Songs sich natürlich auch auf eine ihrer Setliste drängen. Am Ende durften wir im Gesamten 19 Lieder hören und uns über eine Spielzeit von 110 Minuten freuen.
Erfreulicherweise scheuen sich Def Leppard nicht, exzellente Rockbands in ihr Vorprogramm zu nehmen. Das zeugt von grossem Selbstvertrauen, ist natürlich eine Win-Win-Situation für die Fans und den Veranstalter und lässt einen solchen Abend gern zurück an die grossen Rockkonzerte von Bands vergangener Tage träumen. Nun, mit EXTREME hatte man eine Band mit auf die diesjährige Tour genommen, die selber mit «Pornograffitti» ein Top Ten-Album der US-Billboard Charts im Rucksack hat und mit der Single «More Than Words» sogar vom ersten Platz der heimischen Single-Charts und Hitparaden anderer Länder grüsste.
EXTREME nutzten die Gunst der Stunde, auf dieser Tour wieder vor grösserem Publikum zu spielen. Ja, auch das grosse Hallenstadion in Zürich war fast ausverkauft und gab der heutigen Konzertveranstaltung einen würdigen Rahmen. Viele der anwesenden Rockfans dürften auch schon anno 1988 im Hallenstadion gewesen sein, als hier Def Leppard anlässlich der «Hysteria»-Tour einen Halt einlegte. Damals war die McAuley Schenker Group im Vorprogramm. Aber zurück zu Extreme. Mit «Decadence Dance» starteten die Bostoner gleich mit einem Knaller in ihr Set. Nun, anfänglich tönte der Sound noch etwas «schächtelig», aber mit der Dauer des Konzertes wurde es tonmässig besser. Und was auch toll war, Extreme wurde eine Spielzeit von fünfzig Minuten zugestanden, so dass die Bostoner Band elf Songs spielen konnte. Natürlich durften ihre bekannten Stücke wie «Hole Hearted», «Get The Funk Out» und «More Than Words» nicht fehlen. Das Publikum sang bei der Nummer-Eins-Ballade schön mit, was Sänger Gary Cherone sehr freute. Trotz des Vorgruppenslots konnte Gitarrist Nuno Bettencourt auch mal das eine oder andere Mal ein Gitarrensolo oder ein Instrumentalsong wie «Flight of the Wounded Bumblebee» spielen. Da der Grossteil des Publikums Extreme nur anhand der Singles und Videoclips kannte und die Band natürlich diese Songs live nicht ausliess, konnte das Konzert auf beiden Seiten als kleiner Erfolg gewertet werden. Mir gefiel es auch «extreme» gut. Doch, ich hatte zunächst Bedenken, ob die tauben Leoparden die tolle Leistung noch toppen können …
Pünktlich wie die Schweizer Eisenbahn kommen die harten Rocker in der Schweiz auf die Bühne. Es macht jedenfalls so den Eindruck, denn auch ein paar Tage zuvor konnte man seine Uhr nach der Band stellen, als Megadeth ultrapünktlich zum gemeldeten Zeitpunkt auf die Bühne kamen. Auch gestern Abend, Punkt neun Uhr, ging das Licht aus, der Spot an und mit dem Song «Rejoice» wurde das Konzert gestartet. Manchmal denke ich, es steht da so ein «Züri-Rentner» hinter der Bühne, einer der die Parkuhren überwacht, und schickt wohl die Bands pünktlich ins Rennen. «Suscht gebt’s de es Büessli» … smile … «Pour Some Sugar On Me», Officer …
Bereits beim zweiten Lied, der «Hysteria»-Single «Animal» wurde die Wildtier-Show im Hallenstadion schon so richtig lanciert. Natürlich kannte das Publikum diesen Song und es wurde langsam der Rock-Party-Modus angekurbelt. Natürlich wurden wir von einer fantastischen Lightshow durch die Lieder begleitet, Video-Animationen im Hintergrund von Feinsten und ja, man packte wieder die Laserbeams zwischendurch aus! Soundmässig war es auch gut gemischt und man konnte die Songs in einer angenehmen Lautstärke auch ohne Gehörpfropfen hören.
Mein erster «Poulethuut»-Punkt wurde beim fünften Lied «Bringin’ On The Heartbreak» tangiert und ja, diese Powerballade schüttelte mich durch. Hammermässig gespielt. Was man an diesem Abend auch bemerkenswert fand, ist der tolle Backgroundgesang der Band. Und bei Def Leppard sind auch die Backings live von der Band gesungen. Joe Elliott war eigentlich gut bei Stimme, doch im zweiten Teil des Konzert wurde die Stimme bei den höheren Passagen dünner. Doch er schaffte die 110 Minuten mit Bravour, da gibt es andere Sänger aus den 80er-Jahren, deren Stimme nur noch ein Abziehbild ihrer grossen Zeit ist.
Das Hitalbum «Hysteria» durfte gestern Abend sechs Lieder liefern. Dagegen waren mit «Rock of Ages» und «Photograph» nur zwei Songs von «Pyromania» zu hören. Da hätte ich gerne noch einen Nachschlag gehabt, aber wir waren ja gestern nicht bei einem Wunschkonzert. Oder anstelle von «Slang» oder «Rock On» meiner persönlichen Meinung nach noch einen alten Rockknaller. Was aber sehr beeindruckte, war auch das Gesangsintro vom «Euphoria»-Knaller «Promises». Auch heute Mittag halt der Refrain noch in meinen Gehörgängen nach. Und «Love Bites» ist einfach eine Jahrhundertballade, die auch live mächtig schön wirkt.
Das Hauptset von Def Leppard wurde dann mit den erwähnten Pyromania-Songs «Rock of Ages» und «Photograph abgeschlossen. Doch es war noch nicht fertig und die Band kam für den Dreierpack «When Love And Hate Collides», «Hysteria» und «Poor Some Sugar On Me» zurück auf die Bühne. Nach genau 110 Minuten war dann aber endgültig Feierabend.
Ja, nach dem Konzert trafen wir einige Freunde und die Resumées wurde abgeben. Durch das Band nur positive Meinungen und viel Freude. Ja, es war schon eine dieser Konzerteabende, die uns älteren Rockfans eine kleine Zeitreise in der Vergangenheit bescherte, wo die Hardrockbands einander noch die Türklinke des Hallenstadion in die Hände drückten. Es war eine feine Stadionrock-Show der Briten aus Sheffield. Nächstes Jahr feiert die Band ihr 50. Betriebsjubiläum. Hoffen wir doch, dass wir hier in der Schweiz auch wieder zum Genuss einer der feinen Def Leppard-Shows kommen werden!
FOTOS: IVY WOLFISBERG



